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[Gastbeitrag] Was ist die Basis einer guten Beziehung?

Von Bindungstypen und dem Bedürfnis nach Nähe


Fangen wir auf der Suche nach der Basis einer guten Beziehung doch erst einmal ganz von vorne an, nämlich bei unseren emotionalen Grundbedürfnissen. Zu diesen zählt neben dem Wunsch nach Anerkennung, Unabhängigkeit oder Sicherheit unter anderem auch die Sehnsucht nach Bindung und Nähe, also nach einer intensiven emotionalen Beziehung zu einer Bezugsperson.


Für ein menschliches Neugeborenes hängt schlichtweg das Überleben davon ab, wieviel Aufmerksamkeit und Zuwendung es von seiner Hauptbezugsperson bekommt. Zahlreiche Studien bestätigen aber, dass wir Menschen unser ganzes Leben lang enge Bindungen brauchen, von Geburt an und bis ans Ende unserer Tage.

Wir sind also von Natur aus eine soziale, in Beziehungen lebende, auf Bindung angewiesene Spezies. Und das Bedürfnis, sich anderen verbunden zu fühlen, prägt nicht nur unser Verhalten, sondern auch unsere Reaktionen auf Stress, unser Gefühlsleben im Alltag sowie unsere persönlichen Probleme und Herausforderungen. Wir sehnen uns nach dem Gefühl, gemocht und geschätzt zu werden, denn das gibt uns Sicherheit und Selbstvertrauen.


Bindungstypen

John Bowlby, ein britischer Psychiater, forschte bereits Mitte des 20. Jahrhunderts zu den Auswirkungen beeinträchtigter Bindungen von Kindern zu ihren Eltern oder vergleichbaren Bezugspersonen auf die emotionale und soziale Entwicklung. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Trennung von geliebten Menschen, den Kindern die emotionale Nahrung entzieht und für die Psyche genauso schädlich ist, wie Unterernährung für den Körper.

Zusammen mit der kanadischen Psychologin und Wissenschaftlerin Mary Ainsworth konkretisierte er seine Ideen und Ergebnisse noch weiter, und gemeinsam stellten die beiden schließlich die Theorie zu den unterschiedlichen Arten von Bindung zwischen Kindern und ihren Hauptbezugspersonen auf.



Die beiden identifizierten dabei drei unterschiedliche Bindungstypen:

- Sichere Bindung: Eine sichere Bindung entwickelt sich, wenn wir in dem Vertrauen und der Gewissheit aufwachsen, dass unsere wichtigsten Bezugspersonen verlässlich für uns da und zugänglich sind. Für sichere Bindungstypen sind Nähe, jemand andere zu brauchen und gebraucht zu werden etwas durchwegs Positives. Sie quälen sich nicht ständig mit der Befürchtung, betrogen oder verlassen zu werden. Sie gehen auf ihren Partner/ihre Partnerin zu und sind offen für Nähe und die Bedürfnisse ihres Gegenübers.

- Unsichere/Ängstliche Bindung: Wird die Hauptbezugsperson in der Kindheit hingegen als unzuverlässig erlebt, prägt die Sorge verlassen zu werden auch im Erwachsenenalter meist noch unsere Beziehungen.

Unsichere Bindungstypen neigen zu besonders intensiven Gefühlen, sie suchen in Beziehungen immer wieder nach Nähe und verlangen Beweise dafür, geliebt zu werden. Meist reagieren sie besonders sensibel auf negative Botschaften (egal ob verbal oder non-verbal) wichtiger Bezugspersonen. Und sobald sie eine Spur von Distanz wahrnehmen, neigen sie zu Kampfreaktionen, die in Wahrheit ihren Partner/ihre Partnerin zu mehr Aufmerksamkeit und beruhigender Unterstützung bewegen sollen, aber natürlich oft das Gegenteil bewirken.



- Vermeidende Bindung: Vermeidende Bindungstypen neigen generell dazu, ihre Gefühle herunterzuspielen und lassen aus Angst verletzt zu werden oder von anderen abhängig zu sein, echte Nähe kaum zu. Sie unterdrücken ihren Wunsch nach Bindung meist und versuchen echte Nähe gänzlich zu vermeiden, da sie in der Bindung zu anderen eher eine Gefahrenquelle statt Sicherheit und Trost sehen. Statt zu Kampfreaktionen, wie die unsicheren Bindungstypen, neigen sie zu Fluchtreaktionen sobald sie ihr Gegenüber als feindselig, gefährlich oder gleichgültig wahrnehmen. Sie gehen beim kleinsten Anzeichen von Verletzlichkeit, egal ob bei sich selbst oder ihrem Partner/ihrer Partnerin, auf Distanz, um so Frustration und Schmerz zu dämpfen.


Vereinfacht gesagt entstand durch diese Forschungsarbeit die Theorie, dass, je nachdem wie viele positive oder negative Erfahrungen wir in unserer ersten Beziehung, nämlich der zu unseren Eltern, machen, wir mehr oder weniger Grundvertrauen in uns selbst und andere Menschen entwickeln. Und diese Prägung beeinflusst unsere Beziehungen, wie schon gesagt, noch weit über die Kindheit hinaus. Sie wirkt sich nicht nur darauf aus, wie wir uns selbst und andere sehen, sondern auch auf die Partnerwahl, darauf welche grundlegenden Bedürfnisse wir haben, wie wir unsere Gefühle regulieren, welche Erwartungen wir in Liebesbeziehungen haben und wie wir letztendlich in zwischenmenschlichen Beziehungen reagieren und interagieren.


Bedürfnis nach Bindung und Nähe

Die meisten von euch haben sich (und ihren Partner/ihre Partnerin) jetzt vermutlich in dem einen oder anderen beschriebenen Bindungstypen wiedererkannt. Aber was heißt das jetzt für die Basis unserer Beziehung?



Wie schon zu Beginn beschrieben, ist das Bedürfnis nach Bindung und Nähe eines unserer emotionalen Grundbedürfnisse und genau dieses Bedürfnis ist es, das uns Beziehungen überhaupt eingehen lässt. Das ist also die Basis unserer Partnerschaft, und je nachdem wie eng und sicher wir diese Bindung erleben, bildet sie ein solides Fundament oder ein eher wackeliges.


Selbst ein starkes Fundament kann allerdings im Laufe der Zeit zu bröckeln beginnen und dass nicht nur durch eine traumatische Verletzung oder einen Betrug. Wenn es in einer Beziehung kriselt, ist die erste Phase meist durch das Fehlen emotionaler Unterstützung gekennzeichnet. Dazu gehört zum Beispiel das Herunterspielen des Problems des anderen, die Entmutigung beim Ausdrücken von Gefühlen, das Erteilen von unüberlegten oder nicht hilfreichen Ratschlägen oder das Beharren darauf, dass der Partner/die Partnerin die erteilten Empfehlungen auch tatsächlich umsetzt. Dabei stellen positive Unterstützung und gegenseitige Wertschätzung die allerwichtigsten Faktoren für das Gelingen jeder Beziehung dar.


Durch das Fehlen von positivem, intimen und unterstützenden Austausch wird die Bindung zwischen den Partner*innen nach und nach schwächer. Wir interpretieren den Mangel an Aufmerksamkeit und Wertschätzung quasi als Gefahrensignal und sind selbst immer weniger bereit, unserem Partner/unserer Partnerin Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu geben.

In weiterer Folge führt die Angst vor dem Bindungsverlust in der zweiten Phase regelmäßig zur Eskalation von Konflikten. Negative Verhaltensmuster in Form von Kritik, Fordern und Rückzug zerstören schließlich jedes Gefühl von emotionaler Sicherheit, das Paar kommt aus dem „emotionalen Gleichgewicht“ und langsam macht sich Bindungspanik breit. Die Konsequenz ist noch mehr Wut oder defensives Erstarren, denn die Schutzreaktionen des einen Partners/der einen Partnerin, stellen für den/die anderen wiederum ein Gefahrensignal dar.


Das Ganze entwickelt eine Eigendynamik, wie ein Strudel, die das Paar immer weiter nach unten zieht. Wenn die beiden es nicht schaffen, ihre Muster zu erkennen und zu durchbrechen, sich weiter gegenseitig die Schuld geben, kritisieren und mauern, statt wieder aufeinander zuzugehen, dann zerbricht die Bindung letztendlich.


Um die Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen „zu retten“, ist es im ersten Schritt notwendig, destruktive Verhaltensmuster wie oben beschrieben, zu erkennen und zu unterlassen. Der zweite Schritt besteht dann darin, aktiv zusammenarbeiten um die Bindung wieder zu stärken und eine solide Basis für die Beziehung zu schaffen. Ist die Basis stark, können uns gelegentliche Auseinandersetzungen nicht im Fundament erschüttern, dann können wir kleine Verletzungen heilen und unser emotionales Gleichgewicht nach einem Sturm schnell wiederfinden.


Diese Erneuerung der Bindung ist nicht von heute auf morgen erledigt, vielmehr ist es etwas, woran wir als Paar immer und immer wieder arbeiten sollten. Aber genau in dieser Beziehungsarbeit liegt das Potenzial unsere Bindung auf ein ganz anderes Niveau zu bringen. Wir werden dadurch emotional zugänglicher, sensibler und engagierter, was zu einer engeren Bindung, mehr Stabilität in der Beziehung und schließlich auch zu mehr Zufriedenheit führt.



Mag. Elisabeth Wedam

Dipl. Psychologische Beraterin/Lebens- und Sozialberaterin mit Schwerpunkt Paartherapie & Beziehungscoaching, sowie Psychologische Beratung für Expats

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